Schlaues Schauen

Nur gucken, was vorgesetzt wird, ist vorbei – Das Internet erobert den Fernseher

In der Europäischen Union wurde laut „IP Network“, der Vermarktungstochter der RTL Group, noch nie so viel ferngesehen wie heute. Dabei besitzt hier inzwischen jeder Haushalt mindestens ein Fernsehgerät, wobei drei Viertel schon Flachbildfernseher sind.

2012 wurden weltweit 232 Millionen TV-Geräte verkauft, der überwiegende Teil LCD-Plasmafernseher. Diese sollen Voraussagen zufolge 2016 weltweit 243 Millionen Mal verkauft werden, und Smart-TV-Geräte bis dahin sogar mehr als 150 Millionen Mal.

Dabei hat, global gesehen, 2011 China laut Analysten von Displaybank erstmals Nordamerika als größter Absatzmarkt von LCD-Fernsehern überholt. Der nächste Trend: Laut Beratergesellschaft PWC ist nach Smartphones und Tablet-PCs nun mit sogenannten Smart-TVs, also internetfähigen Fernsehgeräten, die nächste Generation von Unterhaltungsgeräten auf dem Vormarsch. Klar geht es in Richtung Digitalisierung und Multifunktionalität.

Jeder dritte Flachbildfernseherin Europa ist internetfähig

Nach Daten des European Information Technology Observatory (EITO) hat letztes Jahr der Verkauf von Fernsehgeräten mit Internetzugang europaweit geboomt. Die Zahl der in der Europäischen Union verkauften sogenannten Connected-TV-Geräte soll demnach 2012 um etwa 68 Prozent auf 19,1 Millionen gestiegen sein. Damit ist in Europa bereits deutlich mehr als jeder dritte (37 Prozent) verkaufte Flachbildfernseher internetfähig. Der Umsatz mit diesen Geräten ist um rund 40 Prozent gestiegen – auf mehr als 14 Milliarden Euro.

Derzeit sind die meisten Smart-TVs im vergangenen Jahr laut dem Marktforschungsunternehmen Strategic Analytics in Japan installiert gewesen, gefolgt von den USA und China, Deutschland und dem Vereinigten Königreich,

Ultra-HD-Geräte und 3D-Fernseher gewinnen, je günstiger sie werden, umso mehr an Nachfrage, doch der Trend geht vor allem nach: Schlauer Fernsehen – das online verbundene Fernsehgerät, mit dem man schauen kann, was und wann man will, ja, ein Fernsehgerät, das nicht allein ein Fernsehgerät, sondern auch zum Kommunizieren, als Internetzugang und als Supercomputer für die Steuerung des Haushalts genutzt wird.

Harter Konkurrenzkampf

Genauso hart wie der Konkurrenzkampf bei Smartphones und Notebooks tobt, tobt er bei den Fernsehgerätehersteller: Der deutsche Hersteller Loewe, dessen Umsatz binnen fünf Jahren von 374 auf 250 Millionen Euro gefallen war, hat darum im Oktober Insolvenz anmelden müssen. Viele Hersteller wie die Japaner Sony und Panasonic oder auch Philips aus den Niederlanden schreiben in diesem Segment sogar Verluste. Philips, mit einem weltweiten Marktanteil in diesem Segment von weniger als 5%, hat darum seine TV-Sparte 2012 in ein Joint-Venture mit dem taiwanesischen Unternehmen TP Vision ausgelagert. Dorther, aus Taiwan, dürfte auch der Großteil der Flachbildfernseher kommen, hergestellt von Firmen wie Innolux (CMI) oder AUO, die fast 80% der neusten ultrascharfen 4k-HD-Geräte herstellen.

Was den Smart-TV-Markt angeht, rechnen Branchenexperten damit, dass Smart-TV-Geräte spätestens 2015 den Massenmarkt erobern werden. Damit stehen auch die Fernsehsender vor der großen Herausforderung, wie sie die Verschmelzung von TV und Internet für sich nutzen wollen.

Der deutsche Sender ProSiebenSat.1 startet darum mit der Onlinecommunity MyVideo als Applikation auf den Portalen der TV-Hersteller einen nächsten Schritt Richtung interaktive Zukunft, während umgekehrt das Musikfernsehen von einst mehr oder weniger schon ins Internet abgewandert ist.

Dass die Nutzung entgeltpflichtiger Dienstleistungen auf dem Smart-TV zunehmen werden, gilt als sicher. „Von der TV-Branche sind Pioniergeist und Mut gefordert, um das digitale Neuland – auch in Konkurrenz zu großen globalen Playern – zu erobern“, so das Fazit von PWC in ihrer jüngtsten Marktstudie zur Zukunft der Medien- und Unterhaltungsindustrie.

© journal.lu – 19.11.2013 – Marco MENG